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Jedes Zehntel Grad zählt


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Vor allem durch den Ausstoß von CO2 hat sich die Erdtemperatur seit Beginn der Industrialisierung (circa 1870) um rund ein Grad erwärmt; die Folgen sind bereits heute sichtbar, so  lautet eine Kernaussage des aktuellen Sonderberichts zur globalen Erwärmung des Weltklimarates IPCC,  der im Oktober in Südkorea vorgestellt wurde.

Machen wir weiter wie bisher, ist ein Anstieg der Temperatur auf 3-4 Grad zu erwarten. Die Folgen wären verheerend.  Laut Bericht ist die Begrenzung der Erderwärmung auf 1,5 Grad machbar. "Nach den Gesetzen der Chemie und Physik ist dies möglich", sagt Mitautorin Jim Skea. Dies würde aber beispiellose Änderungen erfordern, "schnelle und weitreichende" Veränderungen in allen Lebensbereichen, lautet ein Fazit im IPCC-Bericht.

Auf Bundesebene wird nach Ansicht vieler Experten zu wenig getan, dieses Ziel noch

zu erreichen. Mit dem kürzlich vorgestellten Energie-Sammelgesetz wird die Energiewende mit Füßen getreten. Starke Einschnitte bei der Einspeisevergütung im Segment der kleinen Photovoltaik-Kraftwerke bis 750 kWp sind geplant. Damit wird dieser gerade gut laufende Bereich in der Solarstrombranche abgewürgt. So funktioniert Energiewende und die erreichung des 1,5 Grad Ziels sicher nicht.

 Was unternimmt nun die Stadt Mörfelden-Walldorf gegen den Klimawandel und die steigenden Temperaturen? Energieleitbild und Energiemanagement

Bereits Ende der 1980er Jahre wurde das sog. Energieleitbild für Mörfelden-Walldorf  beschlossen und bildete die politische Grundlage der heutigen Arbeit des Energie- und – Klimaschutzbüros der Stadt.

Im Jahr 1992 trat die Stadt dann dem Klimabündnis der europäischen Städte mit den indigenen Völkern des Regenwaldes bei. Die erste Selbstverpflichtung zum Klimaschutz durch Reduzierung der CO2-Emissionen auf lokaler Ebene.

Ende 1995 kam dann die im Energieleitbild empfohlene Einstellung des Energiebeauftragten (EB). In den ersten Jahren galt es ein effektives Energiemanagement in der Stadtverwaltung zu etablieren. Das war nicht immer einfach – Widerstände und fehlendes Verständnis für die Sinnhaftigkeit dieser neuen Disziplin mussten aufgebrochen, Vertrauen aufgebaut werden. Dazu mussten Erfolge nachgewiesen werden.

Ein vielseitiger Job – schließlich ist kommunales Energiemanagement eine Querschnittsaufgabe und reicht in etliche Fachbereiche wie z. B. den Hochbau (Sanierung, Neubau, Instandhaltung der städtische Gebäude),  Stadtplanung (klimafreundliche Bebauungspläne, Städtebauprogramme), Finanzen (Energieverbrauchsabrechnung, Vertragsmanagement) und in viele weitere Verwaltungsbereiche (z. B.  Soziales, Sport u. Kultur) hinein.

Energiemanagement ist Langzeitaufgabe

Entscheidend war und ist die Nachhaltigkeit der Arbeit des EB. Das fing mit der von Anfang an unbefristeten Stelle des EB an. Das hatte Signalwirkung  -  Energie – und Klimaschutzmanagement ist eine Langfristaufgabe, kein über Förderzeiträume zu definierendes Projekt. Oft sind solche Stellen (auch die heutigen „Klimaschutzmanager“) auf eben solche Zeiträume (3-5 Jahre), in denen Fördergelder fließen befristet. Die Erfahrung zeigt jedoch – frühestens nach 3 Jahren, in der Regel nach 5 Jahren können erste belastbare Erfolge aus der Arbeit des EB aufgezeigt werden. Wird die Stelle dann aus vorgeschobenen Sparzwängen nicht verstetigt, versanden errungene Einsparerfolge wieder. Mörfelden-Walldorf  hat an der Stelle klug gehandelt, denn nachhaltiges, effektives Energiemanagement spart auf lange Sicht richtig viel Geld und klimaschädliches CO2 ein.

Die regelmäßig veröffentlichten Energieberichte weisen dies „schwarz auf weiß“ nach. Bezogen auf die Anfänge 1996-98 wurde gemäß des letzten Energie- und- Klimaschutzbericht 2017 mehr als 30% weniger Energie in den städtischen Gebäuden verbraucht. Die CO2- Emissionen konnten minimiert und die Jahreskosten für Energieverbrauch um fast 250.000 € reduziert werden. Jeder Euro, der in den Jahren 1999 – 2016 in Energieeinsparung und Erneuerbare Energien investiert wurde hat einen Gewinn (Kosteneinsparung) von 2,95 € erbracht.

Erzielt werden konnte das positive Ergebnis nicht nur durch Einsparung in Folge von Sanierung, Optimierung und Nutzerverhalten. Von Anfang an stehen die Erneuerbaren Energien – in Mörfelden-Walldorf  vorwiegend die Solarenergie – und die Effizienzsteigerung durch Kraft-Wärme-Kopplung (BHKW) im Fokus. Überall dort, wo es wirtschaftlich und ökologisch Sinn macht, werden „neue Technologien“ eingeführt.

Heute erzeugen beispielsweise insgesamt 25 Photovoltaikanlagen auf öffentlichen Gebäuden rund 370 Megawattstunden (=370.000 kWh) klimafreundlichen Strom – mehr als  alle 12 städtischen Kitas zusammen benötigen. Blockheizkraftwerke (BHKW) in sieben Liegenschaften bereiten dezentral Strom und Wärme und reduzieren somit jährlich 216 Tonnen CO2.

 Energieberatung ist wichtig

 Eine Wahrheit ist allerdings auch, dass der Anteil der städtischen Gebäude am Gesamtenergieverbrauch einer Stadt wie Mörfelden-Walldorf gering ist (nur ca. 3 %). Das größte Einsparpotenzial liegt im Bereich der privaten Wohngebäude und bei Gewerbe – Handel – Dienstleistung (GHD).

Aus diesem Grund war von Anfang an klar, neben dem städtischen Energiemanagement muss auch eine Energieberatung für die Bürger, Vereine und das Gewerbe in der Stadt angeboten werden. Die Rechnung ging auf – seit zwei Jahrzehnten gibt es eine rege genutzte Initialberatung für Gebäudeeigentümer und Mieter im Rathaus Mörfelden, im heutigen Energie-und-Klimaschutzbüro (EKB) der Stadt. Mittlerweile werden jedes Jahr rund 500 Initialberatungen durchgeführt. Zusätzlich zur Beratung wurden Förderprogramme aufgelegt und über die Jahre den Anforderungen angepasst. Gegenwärtig bietet das EKB Förderprogramme für Gebäude-und- Energiechecks, Solarenergienutzung, Blockheizkraftwerke, Heizungsumwälzpumpentausch und Passivhäuser im Neubaugebiet an. Das Ganze wird seit Jahren unter dem Dach der Kampagne „Hol dir den Klima+Punkt“ beworben. Ein Energieberater-Netzwerk wurde gegründet – die teilnehmenden freien Energieberater übernehmen die Beratungen vor Ort. Gute, langfristig angelegte Förderbedingungen und gezielte Energieberatung führen letztendlich zu Erfolgen.

Zwei Beispiele verdeutlichen das:

Das Solarstrom-Förderprogramm SOLAR+ gepaart mit den angebotenen Solar-Checks. In den vergangenen 17 Jahren wurden 180 Photovoltaikanlagen mit einer Leistung von 1,55 MWp gefördert. Diese Anlagen erzeugen jährlich rund 1.300 MWh Strom und vermeiden 650 Tonnen CO2. Mit einer aufgewendeten Fördersumme von 83.000 € wurde eine Investition in Höhe von ca. 4,8 Mio. € angestoßen.  Direkte Wirtschaftsförderung und die Wertschöpfung bleibt zum großen Teil in der Region.

Der Energie-Pass Mörfelden-Walldorf, ein schneller und zielführender Gebäude-Check wurde seit 2012 bereits weit über 100 mal erstellt. Im Rahmen einer Bachelorarbeit  an der Universität Gießen wurde das Beratungsprogramm evaluiert. Das Ergebnis ist ebenfalls positiv. In Mörfelden-Walldorf werden die meisten Energiepässe in ganz Hessen erstellt, Jeder von der Stadt aufgewendete Euro für dieses

Energieberatungsprogramm induzierte Investitionen in die Gebäudesanierung in Höhe von 85 €. Über 600.000 € insgesamt, die zu Energieeinsparungen in Höhe von rund 7.000 MWh führen.

Klimaschutz gewinnt an Bedeutung

Bürgermeister Becker erklärte mit seinem Amtsantritt 2007 den Klimaschutz zu einer wichtigen Säule seiner Politik.

Als Arbeitsgrundlage für die nächsten Dekaden wurde 2008 das integrierte Klimaschutzkonzept 2010 für Mörfelden-Walldorf gestartet. Anfang 2010 resultierte daraus das Klimaschutzprogramm 2020 mit ambitionierten Zielen und einem Straus von Maßnahmen. Eine der ersten umgesetzten Maßnahmen war die Einstellung des Klimaschutzbeauftragten, welche noch im gleichen Jahr umgesetzt wurde. Das Energie-und-Klimaschutzbüro war geboren und die Arbeit auf diesen beiden Feldern konnte weiter intensiviert werden.

 

Klimaschutz-Teilkonzepte für Verkehr und für Erneuerbare Energien in Mörfelden-Walldorf wurden erstellt. Sie ergänzen das Klimaschutzprogramm 2020 und enthalten weitere Maßnahmen, die in den folgenden Jahren umgesetzt werden sollen.

Beispiele sind die Förderung des Radverkehrs und das Stadtradeln, welches auch 2018 bereits zum 8. mal durchgeführt wurde oder der Aufbau einer Ladeinfrastruktur für E-Mobile und die Einführung eines Car-Sharings, basierend auf E-Mobilen.

Die Anpassung der städtischen Solarförderung an das gesteckten Ziele – 20 % Erneuerbare Energien am Gesamtenergiebedarf der Stadt bis 2020 wurde 2016 umgesetzt.

Ambitioniertes Projekt – das KlimaQuartier in Walldorf

Um die Einsparpotenziale eines Stadt-Quartiers herauszufinden, wurde 2015 ein Klima-Quartierskonzept in Walldorf (Okrifteler Str., nördlich Festplatz) entwickelt. Das besondere daran war die Einbeziehung aller Akteure im Quartier (Bürger, Gebäudebesitzer und Verwalter, Gewerbetreibende, Vereine, Stadtverwaltung, Energieversorger, Banken, Energiegenossenschaft) von Anfang an. Die Potenziale sind beachtlich. Zur Umsetzung wurde ein Sanierungsmanagement etabliert.

Wichtigste Aufgaben sind:

  • Initial-Energieberatung für Modernisierungswillige
  • Erhöhen der Modernisierungsquote von Gebäuden von derzeit 1% pro Jahr auf mindestens 2 % pro Jahr.
  • Einführung einer Sanierungssatzung zur steuerlichen Begünstigung von Modernisierungen als zusätzlicher Anreiz neben öffentlichen Fördergeldern. 
  • Installation einer Nahwärmeversorgung mit  Bio-Solarenergie für das gesamte Quartier.
  • beispielhafte Modernisierung eines städtischen Mietwohngebäudes mit 24 Wohneinheiten unter Einbezug der Nachhaltigkeit: Energie-Effizienz, Hausbegrünung, Barrierefreiheit, Nahmobilität, Einsparen von Trinkwasser, Abfallreduzierung etc.

 Mittlerweile hat das EKB einen guten Bekanntheitsgrad in der Stadt und die Anschlussförderung bis 2017 für die Stelle des Klimaschutzbeauftragten wurde wahrgenommen. Seit Mai 2017 wurde diese Stelle in die des Sanierungsmanagers für die Umsetzung der Maßnahmen im KlimaQuartier umgewandelt und wird ebenfalls staatlich gefördert.

 Finanzierung – auch das ist ein Langfristthema

Die meisten Projekte und die Stellen im Energie-und-Klimaschutzbüro konnten durch Förderprogramme des Bundes (nationale Klimaschutzinitiative, KFW) und des Landes teilfinanziert werden. In den vergangenen 20 Jahren konnten insgesamt über 1 Mio.  Euro an Fördermitteln für Energieverbrauchsreduzierung und Klimaschutz aktiviert werden. Für die Gegenfinanzierung von Projekten und Förderprogrammen hat Mörfelden-Walldorf 2008 einen Klimaschutzfonds eingerichtet. Einnahmen aus eigenen Stromerzeugungsanlagen, Steuerrückerstattungen, Pachteinnahmen (Dachflächen für PV-Anlagen) und diverse Fördergelder fließen dort hinein und können so direkt für Energie- und- Klimaschutzprojekte neu investiert werden.

 Bürgerenergiegenossenschaft als Motor der Energiewende

 Ein Highlight für die städtischen Energie-und-Klimaschutzbemühungen  war 2012 die im Rahmen der Energie-und- Klimaschutztage organisierte Initiative zur Gründung einer Bürger-Energie-Genossenschaft. Das Kooperationsprojekt mit Bürgern der Stadt hat sehr schnell Eigendynamik angenommen und nach nur zweieinhalb Monaten fand im November 2012 die Gründungsversammlung der BürgerEnergieRheinMain eG (BERMeG) im Bürgerhaus Mörfelden statt. Heute, 6 Jahre später, hat die BERMeG über 170 Mitglieder, 19 tolle Bürgerenergieprojekte in der Doppelstadt realisiert, einen Landesverband der Bürgerenergiegenossenschaften in Hessen mit gegründet, sich an der Netzeigentumsgesellschaft beteiligt und vertreibt sogar in Kooperation mit den Bürgerwerken eG ihren eigenen 100- prozentigen Bürger-Ökostrom. Die Bürger-Energie-Bewegung ist ein Baustein für die Energiewende und wird auch in Zukunft eine wichtige Rolle in Mörfelden-Walldorf und der Rhein-Main-Region spielen.

Ausblick

Die Autoren des IPCC-Zwischenberichtes fordern „schnelle und weitreichende" Veränderungen in allen Lebensbereichen.

Die Energiewende werden die Kommunen nicht aus eigener Kraft stemmen können, hier ist viel Unterstützung aus Berlin notwendig aber auch jeder Einzelne kann einen Beitrag leisten.

So wurde z. B. jüngst das städtische Solar+ Förderprogramm auf sogenannte steckerfertige „Mini-Solarkraftwerke“ für Balkon, Terrasse  und Garten erweitert. Damit können auch Mieter einen Teil ihres Strombedarfes selbst erzeugen und ihren persönlichen Beitrag zum Klimaschutz leisten. Auch Mieterstromprojekte werden in Kooperation mit der BERMeG umgesetzt, wie z. B. bei den städtischen Wohnungsbauprojekten Am Schlichter und am Festplatz Mörfelden. Hier bekommen Mieter die Möglichkeit, sauberen und günstigen Strom für ihre Wohnungen zu beziehen.

Das Energie-und- Klimaschutzbüro wird jedenfalls bemüht sein auch in Zukunft mit Rat und Tat zu helfen, die Energiewende vor Ort zu einem Erfolgsmodell zu machen.

Die viel gelobten Beschlüsse der Weltklimakonferenz in Paris können nur auf regionaler und lokaler Ebene umgesetzt werden. Die Rahmenbedingungen hierfür müssen jedoch auf EU-und- Bundesebene zielführend gesetzt werden.

Jetzt gilt noch mehr denn je:  „Starten statt warten“.

Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an:

Andreas Fröb / Energiebeauftragter //          06105-938893 // andreas.froeb@moerfelden-walldorf.de
Theo Pauly /
Sanierungsmanager für des KlimaQuartier Walldorf // 06105-938400 // theo.pauly@moerfelden-walldorf.de
Energie- und Klimaschutzbüro // Rathaus Mörfelden , I. OG, Zimmer 102 //  Energie-und-klimaschutz@moerfelden-walldorf.de // Fax: 06105-938896

 Links zu weiterführenden Informationen: 
http://www.moerfelden-walldorf.de

http://klimaquartier-walldorf.de