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Leiser Abschied


Nach 43 Jahren verlässt am 8. Dezember die Kita-Leiterin Karin Detemple die Kita I Treburer Straße. Besonders werden ihr die Kolleg*innen fehlen. „Ich habe mit diesem wunderbaren Team unglaublich gerne zusammengearbeitet“, sagt die 64-jährige und erinnert sich an ihre beruflichen Anfänge.

Die gebürtige Saarländerin, die leidenschaftlich gerne backt und Marmelade einkocht, hatte eigentlich gar nicht vor, in einem Kindergarten zu arbeiten. Durch das Thema Chancengleichheit, das sie immer sehr stark beschäftigte, lag es für sie aber Nahe, in diesem Bereich tätig zu werden. Denn sie wusste: Chancengleichheit beginnt mit der frühen Erziehung und Bildung der Kinder. Und dafür kämpft sie.

„Es gab in den 70er Jahren den Appell der Pädagogen, der mich sehr beeinflusst hat: Seid Anwälte der Kinder. Es war damals neu so zu denken und Kinder als eigene Persönlichkeiten zu sehen. Und dafür wollte ich mich einsetzen:“ Zuerst arbeitet sie in Frankfurt in einem Kinderheim, merkte aber schnell, dass ihr dieser Job zu sehr an die Substanz geht. Sie entschied sich dafür, sich in der Kita I Treburer Straße, dem ersten städtischen Kindergarten in Walldorf, als Erzieherin zu bewerben.

„Als ich angefangen habe, war ich alleine für 25 Kinder verantwortlich. Die Kinder haben gemeinsam um einen Tisch gesessen und gebastelt oder Bilder gemalt.“ Es gab feste Zeiteinteilungen, nach denen man sich richten musste. „Um 10 Uhr wurden alle Kinder gleichzeitig auf die Toilette geschickt. Das muss man sich mal vorstellen.“ Altersgemischte Gruppen waren der erste Schritt eines pädagogischen Konzeptes, das später im Offenen Konzept mündete. 1979 gab es die erste Übernachtung mit gemeinsamem Frühstück am nächsten Tag. Auch Ausflüge gehören zum Kita-Alltag, es gibt Waldwochen und -tage. Man geht gemeinsam zum Markt oder auch mal ins Rathaus.

Seit Karin Detemple im Juni 1992  die Leitung übernommen hatte, legt sie großen Wert auf Partizipation, also das Mitbestimmen der Kinder. „Seit vier Jahren gibt es einen Raum, der sich immer verändert. Die Kinder bestimmen, für was er genutzt werden soll. Mal ist er Disco, mal Theater, mal Arztpraxis“, so Karin Detemple. Das Offene Raumkonzept wurde nach einer spielzeugfreien Zeit im Jahr 1997 eingeführt.

Die Beziehungsarbeit, die Eingewöhnungszeiten stellte sie in den Mittelpunkt ihrer Arbeit. „Es geht um Vertrauen, um Beziehungen, das ist die Basis, aber das braucht die nötige Zeit.“ Ihr ging es seit Beginn um die Vision. wie es Kindern gut gehen kann. Eltern werden miteinbezogen.

Eine andere Herzensangelegenheit betrifft den Beruf der Erzieher*in. „Er sollte eine noch größere Anerkennung finden, denn frühkindliche Bildung ist der erste Schritt Richtung Chancengleichheit und die Entwicklung einer starken Persönlichkeit“, stellt sie klar. Besonders freut sie sich darüber, zu sehen, wenn ehemalige Kinder, ihre Kinder nun ebenfalls in die Kita I geben oder sie als Erwachsene zu treffen.

Kraft für den Job, tankt Karin Detemple in der Natur. „Jeden Herbst fahre ich mit meinem Mann in die Berge und wandere und im Winter mache ich Langlauf. Das gibt mir die nötige Energie für den Rest des Jahres:“

Der Kita I blieb Karin Detemple treu. Sie pausierte nur, als sie ihren Sohn bekam und als sie neben der Leitung der Kita I auch kurzzeitig die Leitung in der Kita IX Okrifteler Straße übernahm. „Ich bin dankbar für die Erfahrung, einmal ein anderes Team kennengelernt zu haben.“ Ein Wechsel in eine andere Kita, kam ihr jedoch nie in den Sinn. „Ich kann heute sagen: Ich habe den richtigen Beruf gewählt.“ Der Zeitpunkt des Abschiedsnehmens sei jetzt aber auch richtig. Obwohl es – aufgrund der Corona-Pandemie und den geltenden Regeln – ein leiser Abschied werden wird. „Die Pandemie hat so viel geändert, gerade im Kitabereich“, bedauert sie. Eine Feier soll aber nachgeholt werden. Genauso wie die Reisen, für die die Hobby-Fotografin dann genügend Zeit haben wird, sie zu dokumentieren.

„Karin Detemple prägte die Kita I und hat aus der Einrichtung das gemacht, was sie heute ist: Eine Kita, in der sich die Kinder wertgeschätzt fühlen. Mit ihr geht eine erfahrene Leitung, deren Meinung und Expertise ich immer sehr geschätzt habe“, fasste es Erster Stadtrat Burkhard Ziegler zusammen.