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Bildungsfahrt zum Hambacher Schloss

Die diesjährige Bildungsfahrt der Stadt Mörfelden-Walldorf  führte am vergangenen Sonntag, den 12. Mai 2013 zum Hambacher Schloss bei Neustadt an der Weinstraße. Zwischen 20 und 30.000 Menschen waren dort vor über 200 Jahren - am 27. Mai 1832 –  aus vielen Teilen des damaligen Deutschen Bundes  zu einer Demonstration zusammen gekommen, wie sie Deutschland noch nicht erlebt hatte – und das ohne alle Möglichkeiten der modernen Kommunikation. Nach Jahren der Unterdrückung und Willkür brach sich in Hambach öffentlich ein Freiheitswille Bahn, der von vielen Teilen der Bevölkerung getragen wurde und seinen sichtbaren Ausdruck u.a. im öffentlichen Hissen der schwarz-rot-goldenen Fahne – der Fahne der deutschen Einheit – fand. Das Hambacher Fest wurde zu einem Fanal gegen die deutsche Kleinstaaterei – der Deutsche Bund umfasste alleine 39 Einzelstaaten -, gegen Fürstenherrschaft und Adelswillkür  sowie für die Freiheit (der Presse und des Handels) und für die Einheit Deutschlands. Darum gilt das Schloss auch als „Wiege der deutschen Demokratie.“  

Mit der Bildungsfahrt sowie dem vorausgegangenen Vortragsabend  zu Georg Büchner – zwei Veranstaltungen, die die Stadtverordnetenversammlung im vergangenen Jahr beschlossen hatte - erinnerte die Stadt an deutsche Freiheitstraditionen aus der Zeit von 1815 bis 1848 – der Periode des sog. Vormärz. Zur Vorbereitung auf die Fahrt hatten alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer – unter ihnen auch Bürgermeister Heinz-Peter Becker -  ein von Klaus Müller zusammengestelltes Begleitmaterial bekommen, das die politischen und sozialen Hintergründe für dieses politische Fest sowie seinen Verlauf und seine politischen Folgen beleuchtet.

Vom trüben und regnerischen Wetter ließ sich niemand abschrecken – und bereits während der Busfahrt nach Hambach gab es weitere Informationen. In der dortigen Winzergenossenschaft sah das Programm zunächst  einen Bild-gestützten Vortrag des Germanisten Joachim Franz, Mitarbeiter am Seminar für deutsche Philologie an der Universität Mannheim zum Thema „Einigkeit und Recht und Freiheit - Literatur und Politik im Vormärz“ vor.  Darin wurde deutlich, dass die politischen  Emanzipationsbestrebungen in der deutschen Literatur jener Zeit viel Unterstützung fanden und dass umgekehrt die Politik der Literatur viele Möglichkeiten bot, sich kritisch mit den deutschen Verhältnissen auseinander zu setzen. Joachim Franz schilderte, wie sich aus der Abwehr gegen die napoleonische Fremdherrschaft Widerstandskräfte herausbildeten – z.B. die Burschenschaften -, die sich nach 1815 nicht mit dem abspeisen lassen wollten, was der Wiener Kongress für Deutschland vorsah. Die Fürsten wollten keine Macht abgeben. Die Burschenschaften protestierten. In den sog. Karlsbader Beschlüssen wurden sie schließlich verboten, die Pressefreiheit wurde in allen deutschen Staaten massiv eingeschränkt. Verfassungen gab es nur in einigen wenigen Staaten. In der Rheinpfalz spitzte sich die politische Situation besonders zu. Sie war unter Napoleon vollständig französisch geworden und hatte u.a. Freiheitsrechte des Code Napoléon kennen gelernt, die teilweise weit über das hinausgingen, was es in allen deutschen Staaten je gegeben hatte. 1816 aber wurde die Rheinpfalz dem Königreich Bayern zugeschlagen und war damit mit den politischen Vorgaben des bayrischen Königs konfrontiert.

Vor allem unter Bezugnahme auf Ludwig Börne und Heinrich Heine schilderte Joachim Franz auch die Kritik und Zweifel dieser beiden Schriftsteller an den deutschen Emanzipationsbestrebungen. Sie waren durchaus skeptisch, was den Mut der Deutschen anbetrifft, die politischen Verhältnisse umzustürzen. Heinrich Heine beispielsweise machte einen sehr deutlichen Unterschied zwischen  dem Wartburgfest mit einigen hundert Studenten im Jahre 1817, auf dem zwar die Befreiung vom napoleonischen Joch gefeiert wurde, ebenso aber auch in dumpf teutonischer Manier Bücher verbrannt wurden  - z. B. der Code Napoléon. Zum Hambacher Fest schrieb Heine allerdings, dass hier „die moderne Zeit ihre Sonnenlieder gejubelt“ habe und „mit der ganzen Menschheit Brüderschaft getrunken“ worden sei. 

Bei den Nachwirkungen des Hambacher Festes, das zu keinem Konzept für eine organisatorische Weiterführung fähig war, kam Joachim Franz u.a. auf Georg Büchner, die sog. Gießener Schwarzen sowie den mit Pfarrer Ludwig Weidig erarbeiteten Hessischen Landboten zu sprechen. Er zeigte, wie sehr gerade die Gruppe um Büchner und Weidig unter den nach dem Hambacher Fest vom Deutschen Bund beschlossenen verschärften Sanktionsbedingungen im Großherzogtum Hessen-Darmstadt  zu leiden hatte.

Nach dem Mittagessen – unterdessen bei besserem Wetter mit hin und wieder blauem Himmel und Sonnenschein – ging es zu Fuß oder mit dem Bus hinauf zum Schloss selber. Wir erfuhren, dass die „Kästenburg“ (von Kastanie) bereits eine Geschichte hat, die bis in die Römerzeit zurückreicht, dass sie über die Jahrhunderte hinweg viele Besitzer hatte, immer wieder zerstört und wieder aufgebaut worden war, aber dem seit  Ende des 17. Jahrhunderts in Folge der Zerstörungen im Zusammenhang mit dem  sog. pfälzischen Erbfolgekrieg nur noch eine Ruine war. Im  19. Jahrhundert  hatte der bayrische König Maximilian II., dem sie als Hochzeitsgeschenk übereignet wurde, zwar die Absicht, die „Maxburg“, wie sie dann hieß, auszubauen -  sie wäre es zweites Hohenschwangau  geworden!  Aber aus Geldmangel wurde daraus nichts.

So blieb das Schloss weiterhin eine Ruine und wurde erst nach dem 2. Weltkrieg wegen seiner besonderen Bedeutung für die Demokratiegeschichte Deutschlands renoviert und zum 150-jährigen Jubiläum des Hambacher Fest im Jahre 1982  wieder eröffnet. Heute wird es von einer Stiftung betrieben und ganzjährig finden viele politische, historische und literarische Veranstaltungen statt. Im  5. Stock des Schlosses befindet sich die Ausstellung zum Hambacher Fest – eine multimedial gestaltete, zum Lesen, Hören und Mitmachen anregende moderne Ausstellungsform, die alle Aspekte des politischen Festes vom Mai 1832 umfassend darstellt und ein breites Publikum anspricht.

Zum Abschluss der Fahrt waren alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer zu einem gemeinsamen Kaffeetrinken im Schlosskaffee eingeladen. Und es gelang sogar noch, bei kurzfristig  wolkenfreiem Himmel und Sonnschein hoch vom Schloss einen phantastischen Blick auf die gesamte Pfalz zu genießen. Alles in allem: eine in jeder Hinsicht gelungene dritte Bildungsfahrt der Stadt Mörfelden-Walldorf.

(Text: Klaus Müller)

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