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Heraus aus der Opferrolle - gemeinsame Verpflichtung für die Demokratie

Bildungsfahrt der Stadt Mörfelden-Walldorf nach Heidelberg

Gespräch mit Romani Rose, Vorsitzender des Zentralrats der deutschen Sinti und Roma, im Rahmen des vierten Bildungsfahrt der Stadt Mörfelden-Walldorf

Die vierte Bildungsfahrt der Stadt Mörfelden-Walldorf führte am Sonntag,
18. Mai 2014 nach Heidelberg. 36 Bürgerinnen und Bürger nahmen an der Fahrt teil. Zur Vorbereitung hatten sie einen von der Stadt vorbereiteten 50-seitigen Reader erhalten.

Sinti und Roma ein Gesicht geben

Der Tag in Heidelberg begann im „Dokumentations - und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma“ mit einer Führung durch die rund 700 qm große Ausstellung über die 600-jährige Geschichte der Sinti und Roma – vor allem in Deutschland. Großen Wert legt die Ausstellung auf die über Jahrhunderte hinweg erfolgreiche Integration in die Mehrheitsgesellschaft. Weil das generelle Bild von Sinti und Roma, wie es u.a. im Begriff des „Zigeuners“ zum Ausdruck kommt, nach wie vor sehr stark von einer „Fremdsicht“ geprägt ist, werden viele Bilder und Dokumente präsentiert, die die „Selbstsicht“ deutscher Sinti zeigen: als Familien, in Sportvereinen, in beruflichen Zusammenhängen, z.B. als Handwerker, Beamte, Ärzte, Soldaten.

Im Mittelpunkt der Ausstellung steht der Völkermord des nationalsozialistischen Deutschland an den rund 500.000 Sinti und Roma in Deutschland und Europa. Allein über 23.000 Männer, Frauen und Kinder fielen dem NS-Terror in Auschwitz zum Opfer. Die Ausstellung endet im 3. Stock mit einer langen schwarzen Tafel, auf der in weißer Schrift alle Opfer, die in Auschwitz ermordet wurden und deren Namen man kennt, einzeln aufgezählt werden.

Eine große Ehre: Romani Rose kommt persönlich

Zum Gespräch mit dem Zentralrat der Deutschen Sinti und Roma kommt der Vorsitzende des Zentralrats, Romani Rose, persönlich – für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer eine große Ehre, wie Bürgermeister Heinz-Peter Becker, am Ende des über einstündigen Gesprächs feststellte.

Auch die Familie Rose gehörte zu den politisch Verfolgten. Viele Familienangehörige sind ermordet worden. Romani Rose hat es sich zur Aufgabe gemacht, die offizielle Anerkennung des Völkermordes an den Sinti und Roma politisch durchzusetzen. Dies gelang im Jahre 1982 in einem Gespräch mit dem damaligen Bundeskanzler Helmut Schmidt. Ein großer Meilenstein auf diesem Wege war schließlich die Einweihung des Gedenkortes für die ermordeten europäischen Sinti und Roma neben dem Reichstag in Berlin im Jahr 2012 - unter großer nationaler und internationaler Teilnahme.

Im persönlichen Gespräch besticht Romani Rose durch seine unkomplizierte, direkte und überzeugende Argumentation und Sprache. Heute, sagt er, gehe es in der Arbeit des Zentralrats nicht mehr nur um die Geschichte. Die Ausstellung über den Völkermord sei man den Opfern schuldig und solle einen Beitrag dazu leisten, dass sich Gleiches nicht noch einmal wiederhole. Die Sinti und Roma wollten aber auch „heraus aus der Opferrolle“. Diese sei ohnehin nicht auf die nachfolgenden Generationen übertragbar. Es gebe auch für die Sinti und Roma – wie für die gesamte Bevölkerung - eine Verpflichtung, für die Demokratie einzutreten und alle Missstände in diesem Zusammenhang aufzudecken – wie z.B. die Hintergründe für die Mordtaten des NSU.

Die kulturelle Traditionspflege hält Romani Rose für sehr wichtig: Pflege der Sprache (Romanes), Pflege der Kunst und Musik. Die Pflege dieser kulturellen Tradition sieht er nicht in einem Widerspruch stehen zur nationalen Identität – Deutsche oder Deutscher zu sein. Das Angebot des Heidelberger Dokumentations- und Kulturzentrums stoße auf große Zustimmung. Jährlich kämen bis zu 13.000 Besucher unterschiedlichster Art. „Aber“, sagt er, „Gemeinden als solche, wie das heute Mörfelden-Walldorf macht, hatten wir noch nicht“ – eine Anerkennung, die die Reisegruppe aus Mörfelden-Walldorf gerne mitgenommen hat.

„Ich bekenne aber auch, dass ich ein Sohn des Arbeiterstandes bin…“

Das sagte Friedrich Ebert am 11. Februar 1919 – unmittelbar nach seiner Wahl zum ersten Reichspräsidenten der Weimarer Republik. Er wolle als „Beauftragter des ganzen deutschen Volkes“ handeln, aber auch nicht verleugnen, dass er „in der Gedankenwelt des Sozialismus aufgewachsen sei „und dass ich weder meinen Ursprung noch meine Überzeugung jemals zu verleugnen gesonnen bin.“

Die „Reichspräsident Friedrich-Ebert-Gedenkstätte“ ist eine von insgesamt fünf durch Bundesgesetz eingerichteten Politikergedenkstätten in Deutschland. Sie liegt in der Pfaffengasse, dem Geburtshaus des späteren SPD-Politikers Friedrich Ebert. Die Wohnung der Familie Ebert im 1. Stock dieses Hauses ist Bestandteil der heutigen Dauerausstellung, die auf einer Fläche von 275 qm das Leben Friedrich Eberts – eingebettet in die politischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen der Zeit von 1871 bis 1925 – darstellt.

Kein Besucher bleibt unbeeindruckt von den engen Wohn- und Arbeitsverhältnissen in der 45 qm großen Geburtswohnung, wo Friedrich Eberts Vater den Beruf des Schneiders mit schließlich vier Gesellen in der Wohnstube ausübte.

Wie es jemand, der aus diesen Verhältnissen kam, schaffen konnte, im Februar 1919 zum Präsidenten eines demokratischen Deutschland – und damit zum Nachfolger von Kaiser Wilhelm II. - zu werden, das schildert die Ausstellung sehr anschaulich und medial äußerst interessant. Sie vermittelt kein „glattes“ Bild des Reichspräsidenten, sondern lässt den Besucher politisch kontroverse Entscheidungen miterleben und zeigt die permanenten Gefährdungen der jungen Republik vor allem von rechts, aber auch von links.

Die vierte Bildungsfahrt der Stadt hatte ein sehr dichtes Programm. Für eine gemeinsame Auswertung in Heidelberg blieb keine Zeit. Nachdenklich und mit eindrucksvollen Bildern aus den beiden Ausstellungen und Erinnerungen an ein sehr interessantes Gespräch mit Romani Rose kehrte die Reisegruppe am Abend zurück.

(Text: Klaus Müller, 27. Mai 2014)

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