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Barockstadt Ludwigsburg

Eindrucksvolle Bildungsfahrt der Stadt Mörfelden-Walldorf in die Barockstadt Ludwigsburg

„Die Stadt ist überaus schön und lachend – und ob sie gleich eine Residenzstadt ist, so lebt man darin auf dem Lande“ – so schrieb Friedrich Schiller im September 1793 in einem Brief an Christian Gottfried Körner über Ludwigsburg, wo er von 1767 bis 1773 zur Schule gegangen war. Die Barockstadt Ludwigsburg mit heute rund 94.000 Einwohnern war das Ziel der achten Bildungsfahrt der Stadt Mörfelden –Walldorf, an der am Samstag, den 9. Juni 2018
49 interessierte Bürgerinnen und Bürger teilgenommen haben. Federführend war sie wiederum von Klaus Müller, dem Sprecher der Regionalen Arbeitsgruppe Südhessen der Vereins Gegen Vergessen Für Demokratie e.V., inhaltlich vorbereitet und in Kooperation mit dem Hauptamt der Stadt organisiert worden.

Was auf den ersten Blick nicht sichtbar ist: Ludwigsburg ist nicht nur die „überaus schöne und lachende“ Barockstadt. Seit 1958 – seit genau 60 Jahren – beherbergt sie auch die „Zentrale Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen“ - eine Institution von großer juristischer, zeitgeschichtlicher und politischer Bedeutung in Deutschland und weit darüber hinaus. Am Vormittag standen der Besuch dieser Behörde und das daneben liegende Museum auf dem Programm. Erster Staatsanwalt Thomas Will erläuterte die Entwicklungsgeschichte dieser „Stelle“ und ihre Aufgabe, Vorermittlungsverfahren zu NS-Verbrechen zu führen. Er wies darauf hin, dass die Behörde in ihrer „Hochzeit“ über 120 Beschäftigte hatte, davon knapp 50 Richter und Staatsanwälte. Heute sind außer den beiden leitenden Staatsanwälten noch drei weitere in Ludwigsburg tätig. Der Besuch führte auch in die Zentraldatei, wo über 5 Millionen Karteikarten Auskunft über NS-Täter und –Verbrechen geben. Das Jahr 2009, erläuterte der Staatsanwalt, habe den NS-Verfahren einen „neuen Schub“ gegeben, weil seit dieser Zeit auch solche Personen angeklagt werden können, die im Rahmen der Befehlskette „nur“ Beihilfe zum Mord geleistet haben. Nicht zuletzt vor diesem Hintergrund werde auch heute noch immer gegen ca. 3000 Personen ermittelt, was immer schwieriger werde. Die Arbeit der Behörde seit 1958 bewertend, stellte Thomas Will fest, dass der Umfang der Ermittlungstätigkeit nicht dem entspreche, was „eigentlich“ hätte geschehen müssen. Die Arbeit der Zentralen Stelle müssen aber auch im Rahmen der historischen Möglichkeiten gesehen werden. Für Recherchen verschiedener Art ist die Zentrale Stelle jederzeit nach Anmeldung zugänglich: persönliche Nachforschungen, wissenschaftliche Interessen, pädagogische Arbeitsvorhaben.

Tief beeindruckt waren die Gäste aus Mörfelden-Walldorf vom Vortrag des Vertreters des Fördervereins der Zentralen Stelle, Alexander Geßmann, der durch das Museum führte. Er ging auf das Personal des damaligen sog. Reichssicherungshauptamtes in Berlin ein – der Zentrale der NS-Vernichtungspolitik. Es waren zum größten Teil akademisch ausgebildete Menschen  - oft mit abgeschlossener Promotion -, die an den Mordaktionen der SS in Osteuropa beteiligt waren. An Einzelbeispielen erläuterte er, wie mit vielen dieser Täter nach 1945 „umgegangen“ wurde. In einem Klima der Abwehr und Verdrängung wurden sie für ihre Verbrechen weder angeklagt noch verurteilt. Er sprach von einer „Renazifizierung“ in den Jahren 1945 bis 1955.

Als Denkanstoß bleibt auch dies haften: Viele Ludwigsburger wollten über Jahre hinweg nicht akzeptieren, dass eine solche Behörde, die sich mit den Verbrechen der Deutschen in der Zeit von 1939 bis 1945 beschäftigt, in ihrer schönen Stadt beheimatet ist. Taxifahrer weigerten sich, Besucher zur Behörde zu fahren; Beschäftigte fanden keine Zimmerwirte.

Nach der Mittagspause bot sich den Mitfahrenden die Gelegenheit, in die Geschichte und Kultur der Barockstadt Ludwigsburg einzutauchen. Zwei belesene und engagierte Städteführer machten die Gruppe mit der Entstehung des Schlosses und der Stadt vertraut. Als Herzog Eberhard Ludwig 1704 den Auftrag zum Bau des Schlosses gab, bewegte er sich im Rahmen der für die absoluten Fürsten der damaligen Zeit üblichen Denk- und Handlungsweise: ein prachtvolles Schloss sollte die Macht und Größe des Fürsten für jeden sichtbar demonstrieren. Bis zu seinem Tod 1733 wurde an dem Komplex gearbeitet,  an dem viele Tausende von Arbeiterinnen und Arbeitern – auch aus dem Ausland - gearbeitet hatten. Das Herzogtum war nahezu pleite.

Da Ludwigsburg im Laufe der Jahrhunderte kaum Kriegsschäden zu beklagen hatte, sind das Schloss und viele seiner Gemächer heute noch im Originalzustand des 18. bzw. 19. Jahrhunderts zu besichtigen: eindrucksvoll der Bruch zwischen der barocken Gestaltung der Zimmer und Gemächer im 18. Jahrhundert und dem Klassizismus des 19. Jahrhunderts. Monumentale Pracht, reiche Ausstattung, aber auch Kunstsinnigkeit prägen das Innere des Schlosses – ein Ambiente, welches das Selbstverständnis der absoluten Fürsten der damaligen Zeit deutlich widerspiegelt.

Die Stadt Ludwigsburg entstand um das Schloss herum. Je nachdem, ob der Herzog seine Residenz in Ludwigsburg oder in Stuttgart nahm, erlebte die Stadt ein ständiges Auf und Ab. Vor allem aber wurde sie früh Garnisonsstadt und war dadurch für viele junge Leute aus dem Herzogtum ein Ort der Erziehung. So auch für Friedrich Schiller, der 1759 in Marbach geboren worden war, 1766 aber mit seiner Familie nach Ludwigsburg zog und dort bis zu seinem 14. Lebensjahr zur Schule ging. Schiller erfuhr in frühster Jugend eine Bildung, die sich am klassischen Altertum orientierte. Auf Wunsch des Herzogs musste er, der eigentlich Theologie studieren wollte und sollte, 1773 Ludwigsburg verlassen und die „Militärpflanzschule“ – eine militärische Ausbildungsschule – in Stuttgart besuchen. Schiller hat es in „seinem Herzogtum“ nicht ausgehalten – und verbrachte sein Leben überwiegend in Thüringen. Neben Schiller sind aber auch Justinius Kerner (nach dem übrigens der heutige mit diesem Namen versehene Wein benannt ist!), Eduard Mörike, Friedrich Theodor Vischer, David Friedrich Strauß zu nennen, die das literarische Leben Ludwigburgs im frühen 19. Jahrhundert belebt haben.

Die Stadtführungen endeten auf dem großen Marktplatz mit den beiden Gotteshäusern - dem Platz, vom den der ehemalige Bundespräsident Theodor Heuss sagte, er sei der schönste Württembergs.

Herzog Carl Eugen war es in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts gelungen, Ludwigsburg zu einem Zentrum für Musik, Kunst, und Kultur in ganz Deutschland zu machen. An dieser Tradition orientiert sich die Stadt auch heute: ein umfangreiches  Angebot an Theater-, Musik- und Kunst- Veranstaltungen erwartet auch den Besucher.

Diese Fahrt wurde ihrem Anspruch als politisch-historische Bildungsfahrt in jeder Hinsicht gerecht – und so nimmt es nicht Wunder, dass der Wunsch der Beteiligten nach einer neunten Fahrt im kommenden Jahr während der Heimfahrt im Bus unüberhörbar war.