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Landeshauptstadt Wiesbaden

Verfolgung und Widerstand 1933 bis 1945 und 70 Jahre Hessische Verfassung

Bildungsfahrt der Stadt Mörfelden-Walldorf nach Wiesbaden

Mit einem derart eindrucksvollen Ende der 7. Bildungsfahrt der Stadt Mörfelden-Walldorf, die am vergangenen Sonntag mit 46 Teilnehmerinnen und Teilnehmern nach Wiesbaden geführt hatte, hatte niemand gerechnet: Daniela Neumann - die für die Stadtführung am Vormittag unter dem Thema „Verfolgung und Widerstand 1933 bis 1945 in Wiesbaden" engagierte Gästeführerin - machte das Abschlussgespräch in der Gaststätte am Jagdschloss Platte zu einem Erlebnis besonderer Art. Humorvoll, spritzig und warmherzig erzählte die vor Kurzem zum Judentum übergetretene, in Portugal geborene und seit nunmehr 40 Jahren in Hessen lebende Frau aus ihrer Familiengeschichte. Ihr jüdischer Vater war 1938 vor den Nazis nach Portugal geflüchtet. Von ihren Eltern waren sie und ihr Bruder nicht religiös erzogen worden. Im Zusammenhang mit der sog. Nelkenrevolution sind sie und ihr Bruder 1974 nach Deutschland gekommen und haben hier an frühere familiäre Wurzeln angeknüpft. Ihre Deutschkenntnisse, über die sie über ihre Eltern verfügte, musste sie in Hessen allerdings „verbessern". „Trepp enuff un ennunner": das zum Beispiel habe 1974 noch nicht zu ihrem deutschen Sprachschatz gehört. – Frau Neumann warb für ein demokratisches und europäisches Selbstverständnis. Die Erfahrung des Faschismus unter Salazar in Portugal habe sie gelehrt, dass man in einer Demokratie sein Wahlrecht wahrnehmen müsse. Gebannt und fasziniert verfolgten die Fahrtteilnehmer die Ausführungen von Frau Neumann: sozusagen das I-Tüpfelchen auf einer rundherum erfolgreichen Bildungsfahrt, die wiederum von Klaus Müller, dem Sprecher der Regionalen Arbeitsgruppe Südhessen des Vereins „Gegen Vergessen Für Demokratie e.V." mit Unterstützung des Hauptamtes der Stadt vorbereitet worden war.

Die Stadtführung am Vormittag hatte an der „Schlachthoframpe" begonnen – dem Ort, an dem im Jahre 1942 zwei große Deportationen von nahezu 900 zu diesem Zeitpunkt noch in Wiesbaden wohnenden Jüdinnen und Juden in die Vernichtungslager des Ostens stattfanden. Rund 3.000 Juden lebten 1933 in Wiesbaden. Viele hatten die Stadt rechtzeitig verlassen können. Mehr als 100 verübten Selbstmord, als sie von den Deportationen erfuhren. Über 1.500 Wiesbadener Juden wurden während der NS-Zeit ermordet. An sie erinnert seit 2011 die Gedenkstätte am Michelsberg, dem Ort, an dem seit 1869 eine der schönsten Synagogen Deutschlands gestanden hatte, bis sie 1938 im Rahmen der „Reichspogromnacht" von Schlägertruppen zerstört und niedergebrannt worden war. Nach 1945 kehrte lediglich ein Dutzend Juden nach Wiesbaden zurück. - Die Stadtführung führte auch zu Orten der damaligen Täter – so zum Beispiel an das heutige Wirtschaftsministerium, das von 1933 bis 1945 das sog. Rasse- und Erbgesundheitsamt beherbergte, das sich mit der Ermordung behinderter Menschen befasste.


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